Interviews von Andreas Bleeck
Mit Ron Engert von der Zeitschrift Tattva Viveka. Geplant sind Interviews mit allen Redakteuren des Zusammenschlusses der "Kulturell Kreativen" (November 2009):
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Mit Martin Frischknecht, Chefredakteur und Herausgeber der Zeitschrift Spuren aus der Schweiz:
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Mit Jens Heisterkamp von Info 3, der größten Zeitschrift der anthroposophischen Bewegung:
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Mit Thomas Röttcher (Biografie), dem Herausgeber von der Zeitschrift "zeitgeist" (geführt von Andreas Bleeck, Januar 2011)

Interview - Teil 1
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Interview - Teil 2
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Andreas: Hallo Thomas, ich freu mich, dass Du für das Interview zur Verfügung stehst als Herausgeber der Zeitschrift „zeitgeist“. Wie bist Du zur journalistischen Arbeit gekommen?
Thomas: Wie die Jungfrau zum Kinde. Es war nicht mein ursprünglicher Lebensweg. Der begann mit einen Studium der Betriebswirtschaft. Später habe ich dann noch eine Heilpraktikerausbildung gemacht, des Wissens halber, allerdings ohne sie zu vollenden. Und aus diesem Spannungsbereich heraus hat sich als ein Ergebnis die journalistische Arbeit kristallisiert. Das Ganze begann mit der Organisation von Veranstaltungen, was ich über zwölf Jahre hinweg betrieben habe. Damals noch in Stuttgart. Und in diesem Zusammenhang kam dann – über Nacht – der Gedanke: Thomas, du sollst eine Zeitschrift machen, und die soll „zeitgeist“ heißen. Das hatte mich zunächst selber überrascht, zeitgeist, den Titel gibt’s doch sicher schon. Ich habe dann recherchiert. In Frankfurt gibt‘s eine Stelle, die weltweit Zeitschriftennamen listet. Allein in den USA war achtmal der Titel „zeitgeist“ vorhanden (Der Begriff wird ja im Englischen und auch in anderen Sprachen nicht übersetzt). Und zweimal in Deutschland: ein Schülermagazin und ein politisches Lokalblatt. Der Weg war also frei für ein überregionales Magazin! Mitte 1997 habe ich die Zeitschrift konzipiert, und Anfang 1998 erschien das erste Heft. Am Anfang war das Profil noch nicht so klar. In einem eigendynamischen Findungsprozess haben die thematischen Schwerpunkte dann immer deutlicher Form angenommen: Zum Ersten die gesellschaftliche Entwicklung, zum Zweiten Wissenschaft und deren Grenzen und zum Dritten Medizin und Gesundheit, auch komplementäre Ansätze, wobei in beide Richtungen konstruktiv-kritisch gedacht und hinterfragt wird. Mir liegt es am Herzen, dort wo etwas gedeihen will, einen Schutzraum zu bieten. Und dort, wo etwas dogmatisiert ist, „hineinzupieksen“, so dass sich das Gebilde auflockern und neu ordnen kann.
Andreas: Das klingt sehr mitreißend. Wie hast Du diesen Elan über 12 Jahre aufrechterhalten können? Gab es Phasen, in denen es nicht so gut lief?
Thomas: Auf jeden Fall gab es die. 2005 z. B. erschien keine Ausgabe der Zeitschrift. Das war eine Phase der Innenschau, ein rückblickendes Bewerten, mit Fragen wie: Wo stehe ich heute, wo hat der zeitgeist sich hin entwickelt? Ich habe mir genau angeschaut, wie es kommt, dass etwas ins Stocken gerät, wie ein Burnout entsteht. Der zeitgeist ist früher regelmäßig erschienen, viermal im Jahr, bis 2002. Seither erscheint er unregelmäßig, aber dennoch stetig! Das ist auch gut so, denn so gibt es keinen Zwang, um jeden Preis zu einem bestimmten Zeitpunkt drucken zu müssen. Denn dieser Zwang bringt Komplikationen mit sich. Man kennt das auch aus größeren Betrieben: Dort gibt es einen Zwang zum Umsatz (die Gehälter müssen schließlich bezahlt werden), und der bringt dann Handlungen hervor, die mit zumeist mit der Unternehmensphilosophie kollidieren. Mit dem zeitgeist setze ich mich auch für den Erhalt der Pressefreiheit ein. Wenn ich nun als Herausgeber den Umsatz über alles stellte, und gleichzeitig die Werte wahren wöllte, wäre das ein unlösbarer Konflikt. Ich erlebe es im Zeitschriftenmarkt, sogar im alternativen Sektor: Viele der sogenannten Zeitschriften sind im Grunde bloße Anzeiger, weil sie lediglich PR-Texte abdrucken. Das ist im zeitgeist nicht möglich. Redaktionelle Beiträge dürfen nicht käuflich sein! Das ist auch im Ehrenkodex des Deutschen Presserates ausdrücklich so geregelt.
Andreas: Hat sich da in den letzten 15 Jahren etwas geändert?
Thomas: Meine Beobachtung ist, dass der Selbstverrat vieler Verleger schlimmer geworden ist. Ein Beispiel: Vor ein paar Jahren habe ich einmal einen Vortrag gehalten in Köln auf einem Zukunftsforum. Da ging es um Schleichwerbung in Gesundheitsmedien. Eine Information darüber hatte ich in unseren Newsletter eingestellt. Daraufhin schrieb mich ein Kollege an, dass dies doch geheuchelt wäre. Die Pressefreiheit gäbe es schon lange nicht mehr. Er sei 20 Jahre oder länger im Verlagswesen tätig und stehe vollbewusst dazu, dass er eine Hure der Gesundheitskommunikation ist. Das habe ich schwarz auf weiß von ihm. Ok, dann soll er aber bitte auch seinen Lesern gegenüber so aufrichtig sein und den Untertitel seines Heftes passend umbenennen, vielleicht so: Für mehr Prostitution im alternativen Gesundheitsbereich. Das wäre dann zumindest konsequent.
Andreas: Im Vorgespräch hast Du gesagt, dass Du dem Begriff „Spiritualität“ kritisch gegenüberstehst...
Thomas: Den Begriff halte ich tatsächlich für etwas bedenklich, genauso den der „Esoterik“. Diese Worte sollten meiner Meinung nach besser auf eine schwarze Liste gesetzt werden. Es ist immer wieder erstaunlich, wer und was sich heute alles als spirituell nennt – „mit Licht und Liebe!“ Wenn ich dann schaue, was diese Menschen wirklich leben, wie sie sich im Alltag Mitmenschen gegenüber verhalten, hat das mit gelebter Spiritualität rein gar nichts zu tun. Spiritualität liegt für mich zwischen den Zeilen, sie muss praktisch anwendbar sein und beinhaltet Werte. Die Menschen, die das als Rollenvorbild verkörpern, sagen nicht von sich: Ich bin spirituell. Sie sind‘s einfach, und das gibt Orientierung.
Andreas: Ist das ein Beweggrund für Dich, Deine Zeitschrift herauszugeben, um gesellschaftlich etwas zu verändern?
Thomas: Bedingt. Ich sehe meine Rolle als Verleger eher als Dokumentator des gesellschaftlichen Wandels. Natürlich hat jedes gedruckte Wort auch eine Wirkung und verändert die Gesellschaft. Umso verantwortungsbewusster bin ich mir über das, was ich abdrucke. Jeder Buchstabe im zeitgeist muss sich qualifizieren, gedruckt werden zu dürfen. Zum Einen sollte ein Thema vollständig recherchiert sein: Es muss sachlich korrekt sein, was in einem Beitrag steht, gerade auch, wenn es um medizinische Sachverhalte geht. Zum andern sollten Stil und Orthografie passen. Wir legen großen Wert darauf, die deutsche Sprache, die zusehendes verfällt, zu hegen und zu pflegen …
Andreas: In einer gewissen Tradition journalistischen Korrektheit siehst Du Dich also als Archivar?
Thomas: Es geht um journalistische Ethik. Die Presse als vierte Säule des demokratischen Systems, die die anderen drei durch Berichterstattung kontrollieren soll. Insofern brauche ich die Neutralität. Aus diesem Grund werde ich auch keiner Partei beitreten. Täte ich es, hätte alles, was ich fortan über Parteipolitik schriebe, ein „Geschmäckle“, wie der Schwabe sagt. Ich kann doch nur fachlich sauber und unbeeinflusst schreiben, wenn ich keiner Lobby angehöre! Lobbyismus ist die vielleicht größte Gefahr für unsere Demokratie. Er ist so gefährlich, weil er verdeckt passiert. Allein in Berlin gibt es 5.000 Lobbyisten. Nur wenn man genau hinschaut und die beteiligten Personen befragt, in welchen Gremien sie sitzen und woher ihre Einnahmen stammen, wird das überhaupt erst offensichtlich.
Andreas: Also ist Deine Arbeit auch eine politische?
Thomas: In dem Sinne ist sie natürlich auch politisch – gesellschaftspolitisch, nicht parteipolitisch! Aber eben dokumentativ: Ich helfe mit aufzuzeigen, wo Probleme sind, so dass die Menschen eine alternative Sicht der Dinge und damit eine Wahlmöglichkeit erhalten. Und mit der Wahl ist auch ein Mehr an Freiheit gewonnen. Denn erst wenn ich die Wahl habe, kann ich etwas anders tun als bisher. Das ist auch das Thema der aktuellen zeitgeist-Ausgabe: Das Ende der Freiheit.
Andreas: Wie hast Du diesen politischen Herbst 2010 erlebt? Die Demonstrationen um Kernkraft, die Stuttgart-21-Bewegung, die wie aus dem Nichts entstanden? Du hast von Meinungsfreiheit gesprochen. Siehst Du das Volk wirklich beteiligt an Entscheidungen? Und siehst Du Deine Arbeit dadurch auch mehr wertgeschätzt?
Thomas: Das ist eine sehr gute Frage, die so pauschal nicht zu beantworten ist. Stuttgart 21, wenn ich das einmal aufgreife, hat natürlich viel bewegt, in dem Sinne, dass etwas an die Öffentlichkeit gekommen ist, was in vielen Städten ein Thema ist, nämlich das Nicht-Beteiligen des Souverän an wichtigen Entscheidungsprozessen, für die sie, die Bürger, dann aber haften dürfen, wenn etwas schief läuft. Insofern ist der Aufbegehren um Stuttgart 21 sehr gut. Die Schlichtungsgespräche, die gerade durch sind, brachten eine Transparenz zutage, die man sich eigentlich bei allen relevanten politischen Vorgängen hierzulande wünschen würde: dass so etwas mit Pro und Contra im Detail ausgeleuchtet und von einem neutralen Schlichter überwacht wird. Ich würde mich sehr freuen, wenn das Schule machte. Auf der anderen Seite beobachte ich bei Stuttgart 21 auch Schattenseiten. Die Emotionalität, die sich zeigt, die sich durchaus noch steigern und womöglich entladen könnte, auch gewaltsam – ich will das Wort Bürgerkrieg jetzt gar nicht in den Mund nehmen – ist heikel. Die Beschäftigung damit bindet auch wertvolle Energie. Unter Umständen tritt dadurch anderes Wesentliches in den Hintergrund, für das es mehr Menschen bräuchte, es voranzutreiben ...
Andreas: Zum Beispiel?
Thomas: Die Liste der Probleme ist lang: Lobbyismus, der wohl auch in Stuttgart 21 eine Rolle spielte, und Korruption in seiner Verschärfung, die grundgesetzwidrige deutsche Beteiligung im Afghanistan-Krieg, der Ablasshandel im Rahmen des Klimawandels, der drohende Finanzkollaps, die wiedereingeführte Todesstrafe in der EU – oder als ein Lösungsansatz die Idee eines Grundeinkommens zu fördern, für die Du Dich, Andreas, mit engagierst. Zu diesem Thema haben wir vor einiger Zeit sogar eine eigene Ausgabe gemacht. Es braucht einfach mehr Konzepte, wie alternatives Wirtschaften möglich sein könnte. Wir sind „nach der Krise“ in den Alltag zurückgekehrt, die Medien propagieren wieder einen Aufschwung, doch die nächste Blase entwickelt sich schon. Es gibt in so vielen Lebensbereichen Entwicklungen, die verwerflich sind.
Andreas: Du sprichst davon, dass diese Transparenz von Stuttgart 21 vorbildlich ist. Ist es auf europäischer Ebene möglich, bürgernahe und nachvollziehbare Entscheidungen zu treffen?
Thomas: Da ist es noch schwieriger geworden, behaupte ich. Mit dem Lissabon-Vertrag wurde offenbar, wie undemokratisch die Strukturen dort sind. Wir haben hierzulande zwar eine Demokratie, allerdings eine parlamentarische, die wenig bis gar keine Mitbestimmung für den einzelnen Bürger vorsieht. Und wenn man sich anschaut, dass die Abgeordneten in der EU kaum was zu sagen haben, auch keine Gesetzesentwürfe einbringen dürfen ... Der Wunsch ist eindeutig, die Menschen wollen mehr Mitbestimmung. Doch der Trend ist gegenläufig. Die Zügel werden angezogen, was sich auch an der schleichenden Etablierung des Überwachungsstaates abzeichnet. Hoffen wir, dass der Kurs eine andere Richtung nimmt ... Ich habe bereits vor ein paar Jahren drei wesentliche gesellschaftliche „Aufbruchsbewegungen“ identifiziert: Die erste ist genau die nach mehr Mitbestimmung. Etwa nach dem Vorbild der Schweiz mit ihren Volksreferenden. Die zweite Bewegung ist die für mehr Selbstbestimmung. Ein Aspekt davon äußert sich z. B. in der Kampagne für mehr Freiheit im Netz. Die Menschen reagieren allergisch auf Entmündigung. Vor allem, wenn ihr liebstes Kind, das Internet, beschnitten wird. Ich denke, das steht stellvertretend für die Angst vor Freiheitsverlust. Und die dritte Komponente ist der „Wunsch nach Grundsicherung“. Ich nenne es absichtlich nicht Grundeinkommen, weil das eine bestimmte Idee der Grundsicherung ist. Eine Grundsicherung, die nicht entwürdigend ist wie heute Hartz IV. Viele müssen sich heute als Versager darstellen, um überhaupt an Mittel zu kommen, was auch Folgen für unsere Kinder hat, die ihre Eltern solcherart gedemütigt erleben müssen. Der Überlebenskampf und die damit verbundene Existenzangst, die viele tagtäglich am eigenen Leib spüren, nagt am Fundament unserer Gesellschaft und wird erst in 10, 20, 30 Jahren seine wahre Folgen zeigen. Zum Glück gibt es heute mehr und mehr Menschen, die sich darüber Gedanken machen.
Andreas: Kannst Du diese drei Bewegungen und ihren Aufbruch noch etwas konkretisieren?
Thomas: Was den Bereich Grundsicherung angeht, haben sich in vielen Städten Bürgerinitiativen gebildet, die Veranstaltungen ausrichten und das Thema lokal breiter bekannt machen. Daneben gibt es Forschungsgruppen und Pilotversuche. Es sind also nicht mehr nur ein paar Prominente wie etwa Götz Werner, die sich dafür einsetzen. Von den genannten drei Bewegungen weist diese vermutlich die größte Heterogenität auf, weil es so viele Nuancen der Idee gibt, vom einfachen Bürgergeld bis hin zum bedingungslosen Grundeinkommen. Die Netzfreiheitsbewegung ist da deutlich homogener, wenngleich der parteipolitischen Hauptvertreter, die Piratenpartei, auch eine sehr anarchistische Anfangszeit erleben musste. Der große gemeinsame Nenner ist das freie Internet, das auch frei bleiben soll. Und nicht zuletzt die Mitbestimmung, die vielleicht älteste Bewegung der drei, die z. B. durch „Mehr Demokratie e. V.“ institutionell vertreten wird. Die haben meines Wissens sogar 30 oder mehr feste Mitarbeiter. In Aktionen konnten schon viele Hunderttausend Unterschriften gesammelt werden und die Aktiven werden auch nicht müde, sich für eine direktere Form der Demokratie einzusetzen. Dennoch glaube ich, das die beiden erstgenannten Bewegungen von der Basis her stärker sind, dass dort mehr Menschen aus sich heraus in einer Art Graswurzelbewegung aktiv werden ...
Andreas: Und die Violetten?
Thomas: Die Violetten haben, wenn ich das richtig beobachtet habe, bei der letzten Wahl auch das Grundeinkommen vertreten. Das Programm erschien mir allerdings zeitweise wie ein „Wald- und Wiesenprogramm“, zu beliebig, nicht konkret genug. Die „Piraten“ haben es da als Ein-Punkt-Partei sicher leichter, ein aussagekräftiges Programm zu vertreten. Andere kleine Parteien, wie eben die Violetten, müssen sich in ihrem Parteiprofil erst noch finden. Ich glaube, das ist noch ein großer Mischpott an Wünschen, was man alles anders machen könnte. Über das wann und wie habe ich leider noch nicht viel gefunden.
Andreas: Ich glaube, wir brauchen das nicht zu vertiefen. Anderes Thema: Du bist auch Mitbegründer der „Mediengruppe Kulturkreative“, eines deutschen Zusammenschlusses von Zeitschriften, die sich auf die Fahne geschrieben haben, gesellschaftlich relevante Themen darzustellen. Du siehst das inzwischen aber auch kritisch. Im neuen „zeitgeist“ ist ein Artikel über Lohas enthalten. Da heißt es: „Yuppies und Dinks sind passé, neu sind die Lohas: Lifestyle of health and sustainibility heißt die neue und äußerst lukrative Zielgruppe, deren Wünschen die Werbung gern entgegenkommt ...“ Was ist das jetzt schon wieder?
Thomas: Die Sache geht zurück ins Jahr 2000, als der Soziologe Paul Ray über 100.000 Menschen in den USA befragte und dabei die Kulturell Kreativen als eigenständige, neue Subkultur erkannte, die rund ein Drittel der Bevölkerung ausmacht. Die daraus abgeleitete kommerzielle Zielgruppe sind nun die sogenannten Lohas, zu denen ich gleich kommen werde. Die anderen beiden Bevölkerungsanteile sind die Traditionalisten, die gerne am Alten festhalten und schließlich die Modernisten, die Veränderung wollen, ohne auf ganzheitliche Zusammenhänge zu achten. Für die Kulturkreativen hingegen ist Beziehung wichtig, sie sind an Nachhaltigkeit und echten Werten interessiert. Zu jener Zeit hatte sich auch die besagte Mediengruppe mit Vertretern aus Deutschland und der Schweiz gegründet. Wir haben uns damals die Frage gestellt, wie sich das wohl weiterentwickeln wird: Wie wird diese noch junge Subkultur künftig wahrgenommen werden, und wie wird die Wirtschaft, die in unserer Gesellschaft dominiert, mit ihr umgehen? Befürchtungen, dass es zu einer Instrumentalisierung kommen könnte, haben sich meiner Meinung nach leider bewahrheitet. Gewiefte Marketingstrategen hatten die Lohas entdeckt, also diejenigen Kaufkräftigen umschreibend, die einen Lebensstil führen, der sich an Gesundheit und Nachhaltigkeit orientiert, im Gegensatz jedoch zu den Lovos …
Andreas: … was “Lifestyle of Voluntary Simplicity” bedeutet …
Thomas: Genau, die als Konsumverzichtler keine lukrative Zielgruppe für Unternehmen darstellen. Die Entdeckung der Lohas hat dazu geführt, dass allerlei Mythen entstanden und viele Firmen erkannt haben, ihre Fassaden jetzt grün streichen zu müssen, um überhaupt noch Produkte absetzen zu können. Dieses „Greenwashing“ ist eine kritische Angelegenheit, weil sich die Frage stellt: Sind denn die vielen Produkte, die heute als bio ausgegeben werden, tatsächlich alle bio? Können die Massen an Waren in Biosupermärkten überhaupt noch in Bioqualität hergestellt werden? Und ist dieser Weg vielleicht ein Irrweg? Viele Firmen verstehen es heute, sich ökologisch in Szene zu setzen, haben aber mit bio gar nichts am Hut. Etwa die großen Energieunternehmen, die gleichzeitig Atomkraftwerke betreiben, oder auch die Automobilbranche, wo Produkte kaum variiert werden, dafür aber die „Verpackung“. Was ist ein ökologisches Gütesiegel heute noch wert? Meiner Meinung nach ist das eine riesige Mythosmarketing-Aktion ...
Andreas: Das ist ja auch ein Schwerpunkt der neuen zeitgeist-Ausgabe: Mythosmarketing. Mythos ist ein sehr weiter Begriff. Inwieweit würdest Du diesen auch auf Deine eigene Zeitschrift anwenden? Welche Mythen kreierst Du?
Thomas: Menschen brauchen Mythen, weil sie mit diesen Sehnsüchte wecken, und damit Visionen und Ziele erschaffen. Mythen setzen zielgerichtet Kräfte frei, um etwas verändern, etwas bewirken zu können. Es geht also nicht darum, dass Mythen schlecht sind. Es geht darum, dass etwas in eine Richtung gelenkt wird, ohne dass bewusst wird ist, dass dies geschieht. Und dass das auch über die Medien kolportiert wird. In der Politik z. B. ist es gang und gäbe, dass Lobbypolitik mithilfe von Spindoktoren betrieben wird. Es werden Mythen geschaffen, um sich daran zu bereichern, es wird etwas absichtlich falsch dargestellt, um sich Vorteile zu verschaffen. Da fängt für mich die Problematik an. Ich möchte mit den Artikeln in diesem Heft dazu beitragen, zu hinterleuchten, wo wir solchermaßen konstruierten Mythen aufsitzen.
Andreas: Wie Du schon am Anfang des Gespräches sagtest, ist Deine Motivation, mehr Transparenz zu schaffen. Und Du sagtest, dass in der Medienlandschaft die Klarheit verloren geht, obwohl durch neue Medien wie Blogs, Foren und Twitter die Informationsweitergabe erleichtert ist. Kannst Du dazu mehr sagen?
Thomas: Ja, da hat sich sehr viel getan. Seit Anfang 2009 setzen auch wir verstärkt auf Internetpräsenz, haben die zeitgeist-Webseite in ein Online-Magazin umgestaltet, auf der eigenständige Beiträge ergänzend zur Printausgabe veröffentlicht werden. Von drei unserer Autoren werden zudem noch Blogs betrieben wird, um sehr rasch auf aktuelle Ereignisse reagieren zu können. Wir leben in einer journalistisch äußerst interessanten Zeit. Im Prinzip könnte ich auch noch ein Satiremagazin herausgeben, ohne mich zu anstrengen zu müssen, weil die Politik bereits Realsatire abliefert. Es ist in den letzten Jahren eine bunte Landschaft politisch relevanter Blogger entstanden, die mit viel Einsatz – im Ehrenamt! – einen Gegenpol zu der zunehmenden Monopolisierung der Mainstreammedien bilden. Man kennt ja die Medienimperien, auch in Deutschland. Es ist erstaunlich, wie viel engagierte Menschen es gibt, die versuchen, andere über das Netz zu informieren. Eine Entwicklung, die hilft, mehr Transparenz, Meinungsbildung und vielleicht auch Mündigkeit zu schaffen – und damit die Voraussetzung dafür, dass sich auch realpolitisch etwas ändern kann, und dass wir zurückkehren zu anderen Werten ….
Andreas: Der Begriff Werte ist mir vorhin schon aufgefallen. Werte haben für mich mehr mit konservativen Vorstellungen zu tun. Du unterscheidest zwischen den Traditionalisten und den Fortschrittsgläubigen. Verlangen Werte nicht ein konservatives Weltbild, das Du ja eigentlich hinterfragen willst?
Thomas: Jetzt wird es natürlich sehr philosophisch. Spontan fallen mir zwei Werte ein, die in der heutigen Zeit immer mehr verkommen: Mut und Aufrichtigkeit – oder auch Offenheit. Es geht darum, durch konsequentes Vorleben anderen zu zeigen, wie das geht, damit sie sich daran orientieren können. Ich meine damit nicht konservative Werte im Sinne überkommener Vorstellungen, und ich sehe das auch jenseits jeglicher religiöser oder politischer Weltanschauungen. Hier geht es um menschliche Werte: sich zu erinnern, dass wir doch Menschen sind. Und dazu muss ich in kein philosophisches Korsett schlüpfen.
Andreas: Dann würde ich Dich als letztes fragen wollen, welche Art von Zukunft Du Dir wünschst. Was würdest Du verändern wollen, wenn Du die Möglichkeit dazu hättest?
Thomas: Im Grunde ist diese Frage eine höchst intime Frage. Die Welt global verändern zu wollen, bringt ein Problem mit sich: Eine bessere Welt in meinen Augen muss nicht zwangsläufig auch eine bessere für alle anderen Menschen sein. Insofern ist jegliches Weltverbesserertum anmaßend. Für mich persönlich bedeutet Deine Frage: Wie verbessere ich mein Leben, so dass ich glücklich bin, so dass ich das erlebt und bewirkt habe, wonach ich mich sehnte. Diese Berufung in mir gefunden zu haben, und diese Dinge auch so gut wie möglich zu verkörpern. Wie jemand einmal sagte: Ein glücklicher Mensch mehr auf dieser Erde macht die ganze Menschheit um diesen Anteil glücklicher.
Andreas: Danke, Thomas, das ist ein wunderschöner Satz zum Abschluss. Danke für das Interview und weiter alles Gute mit Deiner Arbeit. Sie ist eine Bereicherung für die Medienlandschaft. Und Du bist einer der Pioniere und Vorbereiter in dieser Szene.
Thomas: Andreas, ich danke dir auch.
Biografie
Thomas Röttcher, geb. 1966, studierte zunächst Betriebswirtschaft (Schwerpunkt: Internationales Marketing) und absolvierte später eine dreijährige Heilpraktikerausbildung. Als Gründer des Stuttgarter Veranstalters Forum Kontrovers e. V. moderierte er über 200 Vortragsabende.
Ab 1998 Herausgeber der Zeitschrift "zeitgeist". 2001 Mitbegründer der Mediengruppe Kulturell Kreative (MKK), einem freien Zusammenschluss ähnlich gesinnter Verleger. Seit 1999 zudem tätig als Berater und Mentor (Bereiche Unternehmensgründung/-sicherung, Berufungsfindung sowie Beziehung/Partnerschaft) in eigener Praxis in Ingelheim am Rhein.
zeitgeist-Blog von Thomas Röttcher
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