Deutschland, die Türkei und die Welt

Es war abzusehen, dass sich die Türkei zu einem ‚Failed State‘ entwickelt. Nicht, weil wir Deutschen nicht genug geholfen hätten oder jemand anderes Schuld wäre, sondern weil die Entwicklungen in der arabischen Welt einfach viel zu heftig sind. Europa hatte seinen Dreißigjährigen Krieg, in dem die beiden verfeindeten Religionen des Christentums (und etliche andere Interessengruppen) sich bekämpften. Solche Prozesse können auch reinigend wirken, denn danach stand die Ordnung Europas, wie sie bis heute Bestand hat, fest.

Was können wir tun? Wir können den verfeindeten Lagern beiseite stehen und die schlimmste Not lindern. Wenn wir uns in den Konflikt hineinziehen lassen, können wir nicht mehr so gut helfen. Es ist nicht Deutschlands Verantwortung, die Probleme des Islams zu lösen. Auch hat es nicht die historischen Interessen an den Rohstoffen, wie die ehemaligen Kolonialmächte. In unserem Land leben viele Türken, mit denen wir bisher sehr gut ausgekommen sind. Es macht überhaupt keinen Sinn, jetzt eine Gegnerschaft aufzubauen.

Die arabische Welt befindet sich in großer Veränderung. Einmal angestoßen, ist so ein Prozess unumkehrbar. Wie in der französischen Revolution ist es nicht mehr möglich, hinter die einmal gewachsenen Ansprüche an Freiheit und Selbstbestimmung zurückzukehren. Die Türkei ist eines der modernsten und vielfältigsten Länder der Erde. Auf Dauer wird sie die anderen islamischen Länder von dem Vorteil der Demokratie überzeugen, auch wenn sie  kurzfristig in ein nicht ausgereiftes Präsidialsystem zurückfallen sollte.

Die Türkei spielt  eine sehr große Rolle in der Brücke zur modernen Welt. Deshalb ist es auch nicht sinnvoll, sie einseitig als ein Teil Europas zu betrachten. Die Idee war von Anfang an Unsinn. In unserer Zeit ist es allgemein schwierig, klare Identitäten zu entwickeln, da sich die Grenzen der alten Welten auflösen und neue Werte entstehen. Es wichtig zu wissen, zu wem man gehört und welchen Werten man folgt. Die arabische Welt hat andere Werte als Europa, Afrika hat andere Werte als Indien und China andere Werte als Amerika. Jede Region hat ihre eigenen, gewachsenen Strukturen, mit denen sie die anstehenden Aufgaben bewältigen kann.

Sich in der neuen Welt zurechtzufinden braucht Zeit. Wir sind alle Menschen mit denselben spirituellen Wurzeln, mit denselben Wünschen und Hoffnungen an ein besseres Leben. Wir brauchen anderen nicht vorzuschreiben, wie sie zu leben haben oder welchen Überzeugungen sie folgen sollten. Jeder Mensch weiß für sich am besten, welcher Weg für ihn der richtige ist. Es geht weniger um religiöse Empfindlichkeiten, als um den Lebensstil, der aus einer Kultur erwächst. Wenn man Jahrhunderte von einer fremden Macht beherrscht wurde, wie dies in der arabischen Welt der Fall war, dann hat das Selbstbewusstsein gelitten. Es sind Enttäuschungen entstanden und ein Zweifel am eigenen Wert.

Auch Deutschland hat diesen Prozess durch die verlorenen Kriege mitgemacht. So sind die heftigen emotionalen Reaktionen erklärbar, die jetzt ausbrechen. Aber es findet langsam auch zurück zu seiner alten Stärke, und dies weckt natürlicherweise Begehrlichkeiten und Ängste. Doch sind wir inzwischen in ein Netzwerk von Beziehungen eingebunden, von der europäischen Union über die Nato bis zur G20. Wir müssen nicht allein die Verantwortung tragen und dürfen andere um Hilfe fragen. Wir sind nicht die Sheriffs der Welt, an unserem Wesen muss die Welt nicht genesen.

Deutschland investiert anteilig seines Bruttoinlandsprodukts ähnlich viel Geld in soziale Projekte wie Amerika in Waffen. Es finanziert Aufbauprojekte in der ganzen Welt. Es hat als erstes Land der Welt die Energiewende angestoßen. Es hat sich anders als Korea wiedervereinigt und eine neue, einheitliche  Gemeinschaft gebildet. Es hat ein Bildungssystem, das weltweit kopiert wird. Nirgendwo gibt es so viele freie Schulen, einen so durchlässigen, dualen Bildungsweg und kostenlose Universitäten dieser Qualität. Deutschland kann darauf stolz sein.

Europa übernimmt zum ersten Mal in seiner Geschichte Verantwortung für die Länder an seinen Außengrenzen. Dafür braucht es eine gemeinsame Armee. Bei allem Gerede hat Donald Trump mit einem Recht: Die Nato erfüllt nicht mehr länger die Funktion, die sie im kalten Krieg inne hatte. Amerika fordert mit Recht, dass andere Staaten sich mehr beteiligen. Es hat einen hohen Preis für die Kriege bezahlt, die es geführt hat. Manche davon waren gerecht, andere nicht. Sollen andere zeigen, dass sie es besser können.

Es sind schwere Zeiten, die Deutschland nun auch bewusst werden. Konflikte sind Chancen, sich seiner eigenen Positionen besser bewusst zu werden. Wohin wollen wir gehen? Die Violetten haben eine klare Vision des achtsamen Zusammenlebens aller Menschen in der Welt (siehe Vision einer friedlichen Welt in den Downloads). Sie stehen für eine Wiederentdeckung regionaler Selbstbestimmung und basisdemokratischer Lösungsansätze für alle Belange, die auf kommunaler Ebene anfallen. So lernen Menschen, für ihresgleichen und ihre Umwelt Verantwortung zu tragen. 80 % dessen, was wir zum Leben brauchen, kann in der Region produziert werden.

Es geht für den Menschen immer auch darum, einen Sinn in dem Geschehen zu finden. Manchmal verfängt er sich in falschen Wegen wie jetzt im Neoliberalismus. Korrekturen sind schmerzhaft, da es gewachsene Ansprüche gibt. Aber ein weltweiter Handel und kommunale Selbstbestimmung schließen sich nicht aus. Sie fördern sich sogar gegenseitig, wenn der Austausch unter gerechten Regeln stattfindet. Wir können alle voneinander lernen. Und jede Region sollte zeigen können, welche Stärken sie hat, die arabischen, die europäischen, die amerikanischen, die indischen, die afrikanischen, die chinesischen, die fernöstlichen und alle anderen auch.

 

Andreas Bleeck

 

Hinweis zu Autorenbeiträgen

Beiträge auf der Website der Violetten, die mit dem Namen des Autors / der Autorin unterschrieben sind, können der Meinung / Position der Partei entsprechen, müssen dies jedoch nicht notwendigerweise und können deshalb abweichen.

Sie dienen der Beleuchtung einzelner Sachverhalte oder Entwicklungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln und damit der Meinungsbildung.

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Kommentare (1)

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  1. Wolfgang Albrecht sagt:

    Auch wenn ich Andreas Bleecks reichlich verklärtem Deutschland-Bild absolut nicht folgen kann, bin ich insgesamt mit seinem Wortbeitrag mehr als zufrieden. Das gilt sowohl für die historische Einschätzung als auch für die Wertung der gegenwärtigen geopolitischen Situation. Eine gute Diskussions-Grundlage!

    Wolfgang Albrecht