Drei Illusionen

Bild: Silvia Hoffmann

Es gibt drei große Illusionen, denen wir in diesen Tagen unterliegen können. Sie heißen Verlust der Familie, Verlust der Arbeit und Verlust der Freiheit.

Wir meinen, dass der Familienzusammenhalt besonders in den Metropolen zerfällt. Doch es liegt an uns, dieses zu ändern.

Wir meinen, dass durch die Roboter der Verlust der Arbeit droht, doch es liegt an uns, dieses zu ändern.

Wir meinen, dass uns durch autokratische Systeme der Verlust der Freiheit droht, doch es liegt an uns, dieses zu ändern.

Indem wir uns aktiv für Demokratie einsetzen, für ein bedingungsloses Grundeinkommen und die Abschaffung von Abhängigkeitsverhältnissen, die aufgrund familiärer Bande vom Staat erschaffen werden.

Als es noch eine Großfamilie gab, machte es Sinn, die Mitglieder zur gegenseitigen Fürsorge zu verpflichten. Denn dies funktionierte in einer komplexen Jahrtausende lang gewachsenen Struktur, in dem jeder seinen Platz kannte und darauf vertrauen konnte, dass er, wenn er sich an die Regeln halten würde, bis an sein Lebensende versorgt wäre. Dieses System ist heute mit der Kleinfamilie nicht mehr gegeben. Deshalb sollten alle Transferleistungen abgeschafft werden, die Familienmitglieder verpflichten, füreinander aufzukommen – außer der Erziehung der Kinder.

Niemand wäre mehr gezwungen, seine Eltern zu pflegen, mit denen er den Kontakt schon lange abgebrochen hatte. Niemand wäre gezwungen,  für seine arbeitslosen erwachsenen Kinder oder pflegebedürftige Angehörigen aufzukommen und sich selbst zu überfordern. Niemand wäre mehr gezwungen, nach Scheidungen ewige Unterhaltszahlungen zu leisten. Es wäre eine große Erleichterung für alle, und es würde bedeuten, sich neu begegnen zu können.

Denn jeder ist heute mit so einer Situation überfordert, wo die Unterstützung der Großfamilie fehlt und die Unterstützung der Nachbarschaft sowieso. Man könnte neue, auf Freiwilligkeit beruhende Beziehungen aufbauen, und damit wäre die Illusion der ‚Auflösung der Familie‘ gestoppt. Populisten könnten nicht mehr argumentieren, dass die Moderne die Familie zerstört.

Ähnliches gilt für die Illusion des Verlustes von Arbeit. Natürlich werden in zehn Jahren die Roboter die Hälfte unserer Arbeit machen können. Aber deshalb müssen wir keinen neuen Klassenkampf anfangen. Wir sind nicht mehr im 19. Jahrhundert. Mit einem Bedingungslosen Grundeinkommen wird jeder Mensch der Tätigkeit nachgehen können, die ihm am besten liegt. Und die ‚Drecksarbeiten‘ werden natürlich besonders gut bezahlt. Es bräuchte auch keinen Kommunismus, der jeden Mensch gleich machen will. Menschen sind unterschiedlich. Jeder könnte so viel verdienen, wie er will. Er müsste von seinem erwirtschafteten Gewinn nur so viel abgeben, dass allen Menschen ein Grundeinkommen zur Verfügung steht. Viele Berechnungen haben gezeigt, dass dies etwa die Summe ist, die jetzt sowieso schon für Sozialleistungen erbracht wird.

Zudem kommt ein neues Bewusstsein für Nachbarschaftshilfe, gemeinsame Nutzung von Räumen und vertrauensvolle Zusammenarbeit, da niemand mehr gezwungen ist, Dinge zu tun, die er ohne die Bezahlung von durch Zwangsarbeit erbrachten Lohn nicht tun würde. Und damit wäre auch Punkt 3 der Liste der Illusionen getilgt. Autokratische Systeme können nämlich nur dort Erfolg haben, wo Menschen in Angst und Abhängigkeit leben. Das Grundeinkommen ist der einfachste Weg zum Erhalt der Demokratie.

Wenn nur noch wenige Menschen die Arbeitsroboter besitzen, dann ist es umso wichtiger, dass alle an den Kontrollen und den Gewinnen beteiligt sind. Schon jetzt wird unsere Welt von Technokraten regiert, die sich der Kontrolle der Parlamente entziehen. Acht Menschen besitzen laut dem Forbes Magazin mehr als die Hälfte der Menschheit. In einem hatte Marx also Recht behalten. Die Arbeiter sollten Anteil an dem Produktionsprozess haben. Auch oder gerade wenn sie ‚nur noch‘ Roboter beaufsichtigen.

Wir hängen im Denken in der Zeit zurück und können uns nicht vorstellen, wie eine gerechte Welt von morgen aussehen soll. Doch war dies schon immer so. Es kommt uns im Moment nur so extrem vor, weil sich die Bedingungen ändern, auf die wir Politik und das Verständnis von Werten gebaut haben. Die Werte haben sich allerdings nicht geändert. Es geht weiterhin um Gleichberechtigung von Frau und Mann, um Mitbestimmungsrecht an Schulen und Hochschulen, um Toleranz und gelebte Spiritualität im Leben, so dass wir jedem Menschen gerade in die Augen schauen können und vor allem unseren Kindern keinen Scherbenhaufen hinterlassen.

Ohne eine Entkopplung von Unterhaltszahlungen, ohne ein BGE und ohne demokratische Kontrolle der Industrie allerdings werden diese Werte nicht mehr zu halten sein. Der alte Patriachalismus wird sich wieder breit machen, wie er sich in den Personen von Trump, Le Pen, Erdogan auf der einen Seite und den Altsozis auf der anderen Seite ankündigt. Die Frau wird wieder an den Herd zurückkehren müssen, die Kinder zur Arbeit geschickt und die Glaubensfreiheit eingeschränkt.  Wir werden vorgeschrieben bekommen, was wir zu glauben und zu denken haben.

Europa ist mit seinen demokratischen Instanzen beispiellos auf der Welt. Nirgendwo gibt es ein so großes Gebiet, in dem man zollfrei Grenzen überschreiten kann, in dem man gleiche Rechte auf Bildung und Gesundheitsfürsorge hat und in dem man sagen kann, was man denkt. In Indien, China und den USA werden jedes Jahr Zehntausende von Menschen ermordet, gefoltert, gehängt oder weggesperrt, weil sie zum falschen Zeitpunkt am falschen Platz waren.

Auch Europa droht zu zerfallen, weil es an dem Führungsanspruch von Deutschland zerbricht. Aber dieses Problem beruht letztendlich auch auf einer Illusion. Einer Illusion, die für mehr als 1.000 Jahre verbreitet wurde. Doch das 1.000-jährige Reich ist unwiderruflich untergegangen. Es existiert nur noch in den Köpfen derjenigen, die sich vor der Moderne ängstigen. Deutschland ist nicht mal eine Atommacht. Doch viele sind durch die anderen drei Illusionen so geblendet, dass dieses Trauma wieder auftaucht. Und so ist ein klares Denken nicht mehr möglich, und so ist erklärbar, warum so wenige Menschen sich für ein BGE einsetzen und in den alten Denkschablonen von Krieg und Kampf verharren und auf die Demokratie für die Illusion von Sicherheit opfern. Besser wäre, jeder handelt selbstverantwortlich und sucht die Lösungen bei sich selbst.

Andreas Bleeck

 

Hinweis zu Autorenbeiträgen:

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Sie dienen der Beleuchtung einzelner Sachverhalte oder Entwicklungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln und damit der Meinungsbildung.

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Kommentare (1)

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  1. tim.lokotsch@gmx.de sagt:

    Das erste Mal, dass ich auf politischer Ebene ein Parteiprogramm entdecke, das einen ganzheitlichen Ansatz verfolgt. Einen Ansatz, der weder spirituell abgehoben ist noch unipolar wissenschaftlich. Endlich! 🙂