Finger kämpfen nicht

Interview in der Hessischen Niedersächsischen Allgemeinen Zeitung vom 06.11.2006

Jörg Chemnitz von der Partei „Die Violetten“ über spirituelle Politik und den Bundestag

Von Andreas Berger

Kassel Die Partei „Die Violetten“ vertritt eine spirituelle Politik. Sie hat deutschlandweit 560 Mitglieder und holte bei der Bundestagswahl vor vier Jahren 2400 Stimmen.

Jetzt trafen sich Vertreter dieser Partei, deren Name sich von der Farbe für Spiritualität ableitet, zur Bundestagung in Kassel. Wir sprachen mit dem Bundessekretär Jörg Chemnitz über spirituelle Politik und eine andere Dimension.

Herr Chemnitz, bedeutet spirituelle Politik, dass Sie bei Tee und Kerzenschein über die Gesundheitsreform debattieren?

Jörg Chemnitz: Nein. Bestimmte Rituale gehören bei uns nicht dazu. Spirituelle Politik bedeutet, dass wir uns der spirituellen, der geistigen Dimension des Lebens bewusst sind und aus dieser Erkenntnis heraus Politik gestalten.

Was für eine Dimension ist das?

Chemnitz: Das ist das, was über Materie und Naturgesetze hinaus geht.

Erklären Sie das bitte.

Chemnitz: Es sind Zusammenhänge nicht-materieller Art, die man als Gott bezeichnen kann. Es ist aber keine externe Macht. Es handelt sich nicht um einen Glauben, sondern um eine Erkenntnis.

Ich kenne diese Dimension nicht. Wie kann ich als Wähler also Ihr Parteiprogramm verstehen?

Chemnitz: Stellen Sie es sich so vor: Das ist wie mit elektromagnetischen Feldern. Sie sind vorhanden, doch bevor man nicht weiß, dass es sie gibt, glaubt man nicht an sie. So ist das auch mit der geistigen Dimension. Viele sehen sie noch nicht. Doch das Erwachen hat begonnen.

Okay. Geben Sie doch mal ein Beispiel für spirituelle Politik.

Chemnitz: Wir sehen, dass alles miteinander auf der geistigen Ebene verbunden ist, alles eins ist. Wir Menschen, die Tiere, die gesamte Umwelt. All das ist ein differenzierter Ausdruck des einen. Wie die Finger Teil einer Hand sind. Aus dieser Sichtweise folgt, dass beispielsweise ein Wirtschaftssystem, in dem der eine Finger die Vorherrschaft über den anderen sucht, widernatürlich ist. Genauso wenig, wie Finger einer Hand sich gegenseitig bekämpfen, sollten es die Menschen tun.

Wie würden Sie auf spirituelle Weise die Arbeitslosigkeit bekämpfen?

Chemnitz: Auf spirituelle Weise bekämpfen wir nichts. Ein geistiges Gesetz besagt, dass alles, was wir bekämpfen, verstärkt wird. Statt zu bekämpfen, was wir nicht wollen, fördern wir, was wir wollen.

Wie fördern Sie es, dass es keine Arbeitlosen mehr gibt?

Chemnitz: Wir denken zunächst darüber nach, was Arbeit ist. Wir sehen sinnvolle Tätigkeiten, davon gibt es genug.

Zum Beispiel?

Chemnitz: In erster Linie im sozialen Bereich, wo der Mensch dem Menschen dient, ein Füreinander-Arbeiten.

Wer soll das bezahlen?

Chemnitz: Das ist eine andere Frage. Ein Grundproblem heute ist, dass Arbeit und Bezahlung als untrennbar verknüpft erscheinen. Wir wagen es, diese beiden Dinge voneinander zu trennen.

Das heißt, für Arbeit soll man kein Geld bekommen?

Chemnitz: Sie sollen für Ihre Arbeit Geld bekommen. Doch die Berechtigung zu existieren muss man sich nicht erarbeiten. Allein aufgrund Ihrer Existenz haben Sie das Recht, mit Nahrung und Kleidung versorgt zu werden. Unsere Gemeinschaft ist so stark, dass sie das kann.

Wie denn?

Chemnitz: Mit einem Grundeinkommen, das auf der Höhe des Arbeitslosengelds II liegen und allmählich erhöht werden sollte.

Wie wollen Sie die Menschen von Ihrem Weg, von der Dimension, von der spirituellen Politik überzeugen?

Chemnitz: Die Menschen finden zu uns. Wir denken, dass die, die sich der spirituellen Dimension nicht bewusst sind, nicht bei uns Mitglied werden. Sie werden aber angetan sein von dem, was bei uns bei der Entwicklung von politischen Konzepten herauskommt.

Was glauben Sie: Werden es die Violetten einmal in ein Parlament schaffen?

Chemnitz: Ja, und zwar schneller, als sich mancher vorstellen mag.

Da sind Sie sicher?

Chemnitz: Da bin ich mir hundertprozentig sicher.

Woher kommt Ihre Sicherheit?

Chemnitz: Ich leite das aus der bisherigen Entwicklung ab. Wir wachsen derzeit sehr schnell, und das wird sich noch beschleunigen. Wir sind von 100 Mitgliedern Mitte 2005 auf bis jetzt 560 Mitglieder gewachsen.

Wann und in welches Parlament werden Sie einziehen?

Chemnitz: Am ehesten ins Bundesparlament. Spätestens zur übernächsten Bundestagswahl ziehen wir ein.

06.11.2006

Print Friendly

Kommentare sind nicht mehr zugelassen.