Hanau und die punktuelle Entrüstung

Erneut mussten wir einen erschütternden Angriff auf das erleben, was Demokratie genannt wird. Durch jemanden, bei dem die menschliche Ratio versagte. In dem etwas zum Ausbruch kam, das Rätsel aufgibt. Was mancherorts den Anlass liefert, mit polarisierender Polemik ein Urteil zu fällen. Das die Untat in eine Ecke stellt, in der seit geraumer Zeit alles angehäuft wird, was unerwünscht und dem Vernehmen nach als bedrohlich wahrgenommen wird.

Der Täter folgte zweifelsohne einer Überzeugung und hatte vermutlich nichts zu verlieren. Keiner von uns steckte in seiner Haut. Er hinterlässt ein Bild, das zu Mutmaßungen verleitet. Folgte angeblich absurden Verschwörungstheorien. Dieses Wort reicht oftmals bereits aus, um eine Phobie zu erzeugen und eine gewissenhaft hinterfragende Diskussion im Keim zu ersticken. Es ist eine Erfindung von Geheimdiensten, die wenig zimperlich vorgehen.

Historisch betrachtet erwies sich so manche Verschwörungstheorie als zutreffend. Oft genug wurde die Menschheit bereits durch Naivität und Hörigkeit in Gräueltaten verwickelt. Oder Unfassbares verschleiert und mit dem Siegel der Verschwiegenheit versehen. Was stets im Namen Gottes, des Volkes, im Interesse der nationalen Sicherheit, oder eines Fortschritts geschah. Der daraus hervorgehende Vertrauensverlust bringt Spekula-tionen hervor, aus der eskalierende Existenzangst hervorgehen kann. Was hatte diesen Mann im Vorfeld geprägt?

Das Max-Planck-Institut untersucht seit geraumer Zeit die Übertragung traumatisierender Erfahrungen. Unverarbeitete dramatische Ereignisse aus der Vergangenheit können über Generationen vor sich hin schwelen und zu unerklärlichen Verhaltensweisen führen. Und konfrontieren uns so mit dem Schreien der Lämmer vergangener Tage. Durch jene Inhalte getriggert, die Vergleichbares zum Ausdruck bringen und hierdurch in die Gegenwart holen.

Polarisierende Gewalt ist nicht die Antwort. Sondern die ernüchternde Erkenntnis, dass sich jenseits des Alltags etwas vollziehen kann, das mit unbehandelten Altlasten und ignorierten Entwicklungen konfrontiert. Egal, ob wir dies einer Verblendung, psychischen Störung oder dem Karma zuschreiben. Wird lediglich ignoriert oder arrogant darüber hinweg regiert, ist es lediglich eine Frage der Zeit, bis sich Ungehörtes eines Tages in unerhörter Weise zeigt.

Zur radikalen Szene wird der verstorbene Altkanzler Helmut Schmidt zitiert: „Ich habe den Verdacht, dass sich alle Terroristen, egal, ob die deutsche RAF, die italienischen Brigate Rosse, die Franzosen, Iren, Spanier oder Araber, in ihrer Menschenverachtung wenig nehmen. Sie werden übertroffen von bestimmten Formen von Staatsterrorismus.“  Oha…

Autor: Christian Rudolf Schreiber

Wichtiger Hinweis zu allen Themenbeiträgen:

Diese können der Meinung / Position der Partei entsprechen, müssen dies jedoch nicht notwendigerweise und können deshalb abweichen.

Sie dienen der Beleuchtung einzelner Sachverhalte oder Entwicklungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln und damit der Meinungsbildung.

 

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Author: Editor

1 thought on “Hanau und die punktuelle Entrüstung

  1. In der Soziologie und Psychoanalyse sind diese Phänomene seit langem Thema, bestens untersucht und verstanden, z.B. hat sich der Autor Götz Eisenberg darum verdient gemacht, das eingehend zu beleuchten:

    „Jugend und Gewalt“ (1993)
    „Amok, Kinder der Kälte“ (2000)
    „Damit mich kein Mensch mehr vergisst: Warum Amok und Gewalt kein Zufall sind“ (2010)

    Die Frage ist also, warum ändert sich nichts?

    Antwort: weil die Ursachen in unserem Gesellschaftssystem an sich liegen, also im Bildungssystem, in der Erziehung, in der Vernachlässigung von Kindern und Jugendlichen, in der Abrichtung zu Konsumzombies, die man vor die Glotz setzt, anstatt sich singstiftend mit ihnen zu beschäftigen und ihnen Vorbild zu sein.

    Und natürlich das Scheitern des ganzen warenförmigen Systems (= Kapitalismus), wo die Zukunft z.B. hierzulande nur noch aus absoluter Anpassung an das kranke System oder Hartz IV als Perspektive besteht. In anderen Weltregionen ist es bekanntlich noch schlimmer, denn da haben die nichtmal diese Wahl, sondern sind auf die nackte Existenz(angst) zurückgeworfen. Das erzeugt natürlich Hass und letztlich Gewalt. Nazis und Islamisten haben sehr viel gemeinsam.

    All das wird von den Regierungen völlig ignoriert, aber ebenso von Leuten, die anstatt das System kritisch zu hinterfragen, daran festhalten wollen. Sie wälzen Probleme lieber auf der Handlungsebene auf andere Menschengruppen ab, am liebsten Minderheiten. So war es auch in Hanau. Diesmal traf es leider wieder die Muslime. Andernorts sind es mal Juden, oder Schwarzafrikaner, oder Sinti/Roma, oder wen auch immer man gerade meint für alle Übel der Welt verantwortlich machen zu können. Hauptsache das eigene Ego kann unangetastet bleiben und der Kapitalismus ist natürlich macro sankt/heilig.

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