Realität und Anspruch: Die kritische Edition von Hitlers Mein Kampf

Claudia-02Mit dem Ablauf des Urheberrechts an “Mein Kampf” am 1.01.2016, 70 Jahre nach dem Tod Adolf Hitlers – das Finanzministerium des Freistaates Bayern war Eigentümer des Copyrights – ist eine wissenschaftlich kritisch kommentierte Ausgabe erschienen. Das Institut für Zeitgeschichte in München hat den Originaltext mit 3.500 Kommentaren sowie einer Einleitung und einem Register versehen. Ziel ist die Entmystifizierung der Hetzschrift.

Ernst-Dieter Rossmann, bildungspolitischer Sprecher, spricht von einem “schlimmen und monströsen Buch”. “Um die Geschichte des Antisemitismus zu demaskieren und die Propagandamechanismen dahinter zu erklären”, ist diese Ausgabe Teil einer modernen Bildung für qualifizierte Lehrer.

Die Bildungsministerin Frau Prof. Johanna Wanke begrüßt die Zielsetzung der kritischen Ausgabe, nämlich zur politischen Bildung beizutragen, indem die Aussagen Hitlers in verständlicher Form nicht unwidersprochen bleiben. Einem breiten Publikum stünde nun eine wissenschaftlich fundierte Einordnung zur Verfügung.

Die deutsche Lehrergewerkschaft will es im Unterricht einsetzen, um Heranwachsende gegen politischen Extremismus zu immunisieren. Es wäre besser, dies von qualifizierten Geschichts- und Politiklehrern zu erfahren, als sich die deutsche Ausgabe illegal im Internet herunterzuladen.

Das Buch war offiziell seit 1945 in Deutschland nicht mehr veröffentlicht worden.

Der Freistaat Bayern, als Rechtsnachfolger des nationalsozialistischen Franz-Eher-Verlags, verhinderte als Inhaber der Urheberrechte deutschsprachige Neuausgaben.

Charlotte Knobloch nahm im September 2012 an der Reise Horst Seehofers nach Israel teil. Für Israel und die jüdischen Opfergruppen stellt der Gedanke der Veröffentlichung, egal ob wissenschaftlich kommentiert, eine Unerträglichkeit dar.

Charlotte Knobloch spricht von Volksverhetzung. “Diese stark hitler02antisemitischen Texte gehören in kein Klassenzimmer.”

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, wendet ein, dass das Wissen über “Mein Kampf” noch wichtig ist, um den Nationalsozialismus und den Holocaust zu erklären.

Die geltende Rechtslage sieht vor, dass der Tatbestand der Volksverhetzung ausreiche, um unkommentierte Ausgaben zu verhindern.

Ob dieser Anspruch auch der Realität standhalten wird, bleibt dahingestellt. Denn die sprichwörtliche Opposition von Schülern gegenüber dem Gedankengut wohlmeinender Lehrer dürfte kaum zur Gefolgschaft von rechtsextremen Gruppen führen als vielmehr das alltägliche Gedankengut im antimainstream im Internet und den sozialen Medien, dem auch so genannte Gebildete verfallen. Die Vermischung von Hitlers Verteufelung des Weltjudentums und ihres angeblichen Weltherrschaftsanspruchs, man denke an die nicht auszurottenden Vorurteile in der Hetzschrift “Die Protokolle der Weisen von Zion”, stehen wie selbstverständlich als Erklärungsmuster in Form von Verschwörungstheorien über Anschläge und Machtansprüche im Internet.

Solange Deutschland nicht die sozialen Probleme im eigenen Land angeht, die wachsende Armut trotz aller Konjunktursteigerungen durch gezielte Politik ausgleichen hilft – ganze Landstriche in den Neuen Bundesländer verkommen – wird auch diese kommentierte Hetzschrift nicht das krude Weltbild der Anhängerschaft von NSU, Pegida und rechten AFD-Mitgliedern ändern beziehungsweise junge Menschen ebenfalls nicht davon abhalten, sich den Neuen Nazis zu ergeben.

Die Leistungsgesellschaft fordert Opfer, erzeugt Ausgestoßene, Randgruppen. Es isthitler01 Aufgabe einer starken Demokratie, des Sozialstaates Deutschland, sich dessen zu erinnern, wie in der Weltwirtschaftskrise der Stimmenfang der Nationalsozialisten reüssierte.

Jugendliche und die Gesellschaft zu immunisieren, erfordert ganz andere Anstrengungen, zu denen die großen Parteien noch immer Engagement vermissen lassen. Und man soll auch nicht verkennen, dass in unserer globalisierten Welt längst alle Rechtsextremen länderübergreifend zusammenwirken. Die Schwächen des Staates wird diese Klientel immer ausnützen, daran wird die kommentierte Ausgabe von Hitlers Mein Kampf nicht viel ändern. Aber als Beitrag zur Geschichtsaufarbeitung füllt es eine Lücke.

von Claudia Wädlich

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Kommentare (1)

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  1. Andreas sagt:

    Meist ist es ja so, dass in Diktaturen genau jene Bücher verboten sind, in denen die Wahrheit steht…

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